Die Vorgeschichte des Orchesters

 

Wer die Geschichte unseres Orchesters erzählen will, darf sie nicht als etwas völlig Eigenständiges sehen, sondern er muss sie einbeziehen in die Umwelt, in die gesellschaftliche Situation des jeweils betrachteten Zeitabschnittes.

Als Folge einer einzigartigen Entwicklung der Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Industrie durch die Vermarktung der neu erworbenen Kenntnisse einen großen Aufschwung. Damit war gleichzeitig ein stark ansteigender Bedarf an Arbeitskräften verbunden, der wiederum einen großen Zustrom der Menschen in die Städte auslöste. Im Dasein der Menschen wurde hiermit eine völlige Umwandlung der Lebensform vollzogen. Die Geschichtsschreiber sprechen von einer „Technisierung des Daseins“.

Anstelle der handwerklichen Arbeitskreise traten jetzt die maschinen-technischen. Im Zuge dieser Umwandlung wurde von den unteren Schichten der Bevölkerung eine Arbeit gefordert, die immer mechanischer, unpersönlicher und eintöniger wurde. Diese unbefriedigende Arbeit, verbunden mit bei weitem unzureichenden Wohnverhältnissen in den schnell anwachsenden Städten, rief in der großen Masse der Menschen eine seelische Erschütterung, den Protest und jene bittere Verzweiflung hervor, die die erste Ursache aller antikapitalistischen Bestrebungen bis in die jüngste Zeit geworden sind. Und nur langsam konnte sich diese untere Bevölkerungsschicht, die Arbeiterschaft, aus ihrem grauen Dasein herausarbeiten, ein neues Selbstwertgefühl erlangen und sich dann auch zu kulturellen Tätigkeiten aufschwingen.

 

Kulturelle Einrichtungen wie Volksbibliotheken, Volkshochschulen, Kindergarten, berufliches und politisches Bildungswesen entstehen. Arbeiter-Turn- und Sportvereine werden ins Leben gerufen. 1909 ist das Gründungsjahr des Arbeiterwassersportvereins in Hamburg.

In den folgenden Jahren wendet man sich auch dem musikalischen Bereich zu. Jedoch der Arbeitsverdienst ist gering. Also war's kein Wunder, dass der Gesang zur beliebtesten musikalischen Betätigung wurde. Es entstanden zunächst reine Männergesangvereine, später auch gemischte Chöre, und zwar meistens aus Antrieb und unter Leitung von sozial eingestellten Lehrern. Als bedeutendster unter ihnen wird Hans Hansen-Thebel genannt. Der von ihm begründete Hansen-Thebel-Chor ist heute noch als Schubert-Chor in Hamburg bekannt.

 

 

1919 gründete Max Laudan den Verein „Liederfreunde“, aus dem später die Niederdeutsche Singschar hervorging. Nach dem ersten Weltkrieg, nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches spürte man in den Städten das Heraufkommen der Massen zur sozialen Gleichberechtigung. Nach den überstandenen Schrecknissen des Krieges wollte die Arbeiterbewegung das neue pazifistische und soziale Europa bauen. Besonders die Jugend war es natürlich, die sich mit diesen Idealen befreundet hatte. Es war die Zeit des höchsten Glaubens an den unendlichen geistigen und sozialen Fortschritt.

 

In den Jahren 1927 und 1928 schien die Welt sicherer denn je. Die jungen Menschen waren von ganzem Herzen Wanderfreunde. Ihre gemeinsamen Erlebnisse wurden zu unvergessenen Stunden. „Aus grauer Städte Mauern…“ zogen sie ins weite Land, Mandolinen und Gitarren waren ihre Begleiter auf den Wanderfahrten. Zunächst waren die Instrumente nur zur Lied-Begleitung bestimmt, doch bald wurde das Musizieren anspruchsvoller. In zwangloser Form fanden sich kleinere und größere Gruppen zusammen, die die Besetzung des Streichquartetts als Vorbild - sich im vierstimmigen Spiel übten. Es wurde Notenlesen gelernt. Nur für Wenige war Musikunterricht erschwinglich, doch sie gaben das Erlernte an die Freunde weiter. So entstanden in großer Zahl Mandolinenorchester. Diese spielten zu kleinen und großen Anlassen und gaben eigene Konzerte. Sie erfreuten sich stets eines zahlreichen Publikums. So war unseren Musikfreunden ein guter Wurf gelungen: Sie füllten die Konzertsäle nicht nur als

Hörer, sondern als aktiv Beteiligte.

 

Richard Zimmermann, 1978 (50 Jahre HMO)