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Literatur in Dur und Moll

Wandlung und Wanderung

Drei Instrumente auf dem Weg  – Wohin…?

 

 

Die Götter gaben dem Menschen die Instrumente, damit sie diese zum Leben erwecken und ihnen dauernd verbunden bleiben. In ihnen ist das Wesen der kosmischen Harmoniegesetze enthalten. Es ist die Aufgabe des Menschen, diese suchend zu entdecken. Der spanische Dichter Garçia Lorca zum Beispiel personifizierte die Gitarre zum "goldenen Polifem" (ihr kennt ja die Odyssee). Das Schalloch ist das einzige Auge des Riesen, und die Saiten sind die sechs tanzenden Jungfrauen. – Hier aber ist die Rede von drei zeitlosen Wesen mit durchaus menschlichen Zügen.

 

Nach einer langen Wanderung auf staubiger, sonnenüberfluteter Landstraße lagerten sie sich unter einer alten Platane mit ihren breiten, schattenspendenden Blättern. – Erschöpft schwiegen sie eine Weile.

 

„Wir sind immer auf dem Weg“ ,sagte das kleine, zierliche Wesen mit dem klugen Ausdruck in den Augen und edler Körperhaltung. Man nannte sie Line.

 

„Nun fang nicht schon wieder an zu philosophieren“, fiel ihr Dola ins Wort, die etwas breit und behäbig auf dem Boden ruhte.

 

„Lass sie doch“, sagte Gita, die Dritte im Bunde, ein verführerisches Wesen mit langem Hals und schlanker Taille.

„Ich höre gerne zu.“

 

„Reden wir doch ein wenig über Vergangenheit und Zukunft. Ich kann eine ganze Menge dazu beitragen. Schließlich war mein Ziehvater der alte Orpheus!“

 

„Der spielte aber auf einem Schildkrötenpanzer und nicht auf einer Gitarre!“ sagte Dola vorwitzig und frech. – Da niemand darauf reagierte, hatte sie wohl etwas Falsches gesagt.

 

„Ich träume oft von den guten alten Zeiten“, sagte Line. „Wie herrlich klang doch die Mandoline in Mozarts ´Don Giovanni´, wie zart und betörend war doch ihr Klang, und wie einschmeichelnd war die Begleitung. Herz und Gitter öffneten sich.“ Traumverloren blickte sie in die Ferne. –

 

„Na ja“, sagte Gita – leicht gerührt von Lines Worten – „Beethoven hat ja auch keine schlechte Mandolinenmusik geschrieben.“ –

 

„Ja, wo Liebe im Spiel ist . . .“ seufzte Dola. – „Und zwar in Prag als verliebter Verehrer der schönen Komtess de Clary“, sagte Line.

 

„Damals in Prag spielten übrigens die Damen der High-Society und die adligen Prinzessinnen am Wiener Hof Mandoline.“, hauchte sie ganz vornehm vor sich hin.

 

„Ja, schon gut, schon gut. Komm mal wieder auf den Boden zurück“, sagte Dola, und in ihrer Stimme klang ein wenig Neid und etwas Traurigkeit. Doch dann fasste sie Mut: „Ich bin zwar nicht mit langweiligen Prinzessinnen bekannt, aber dafür schwärmen alle von unserer neapolitanischen Volksmusik“, sagte sie mit ansteckender Begeisterung. –

 

„Ja!“ riefen ganz aufgeregt Line und Gita, „diese abendlichen Gondelfahrten mit Mandoline und Mondschein und diese verliebten Hochzeitspaare, und diese italienischen Gondoliere mit ihren aufregenden Stimmen. Jeder ein Caruso und alles kleine Casanovas und ´Sole mio´ von morgens bis abends. – Herrlich !!!“ –

 

„Vielleicht hat Mozart daher seine Anregung. Er war ja auch in Italien“, sagte Dola.

 

„Nein, nein“, meinte Line, „so kann es nicht gewesen sein. Neapolitanische Serenaden und Canzonen werden alle tremoliert. Denn diesem aufregenden und erregendem Tremolo kann kein Mädchenherz widerstehen. Es bringt jede Faser des Herzens in Schwingung und macht die Frauen hingebungsvoll und schwach.“

 

Diese letzten Worte haucht Line träumerisch vor sich hin.

 

„Nun übertreibe man nicht“, sagte Dola. „Vivaldi hat auch kein Tremolo in seinen Mandolinen-Konzerten.“

 

„Jaaa“, sagte Line sehr gedehnt „das ist ja etwas anderes. Als Komponist und Leiter eines Jungmädchen-Orchesters im Hospital Pietà in Venedig schrieb er vergeistigte Musik. Das Fleisch durfte nicht schwach werden.“ –

 

„Ihr macht beide ganz schön auf edel“, sagte Gita verstimmt. „Als ob in jener Zeit auf der Gitarre nur geschrumpt wurde. Gewiß, Possenreißer, Komödianten und Marktschreier lockten damit das einfache Volk herbei. Ich kann aber auch mit vornehmen Personen aufwarten: es war die Prinzessin Amalie vom Weimar, die als erste die Gitarre in Deutschland einführte. Sie hatte sie von einer Italien-Reise mitgebracht. ,sagte Gita etwas schnippisch. “…und wer saß denn in Versailles vor dem Schlafzimmer Ludwigs XIV. Dem Sonnenkönig, um ihn oder den Dauphin in den Schlaf zu spielen? Ja, wer saß denn da ?!? – Na bitte: de Visee mit seiner Gitarre.“

 

„Was heißt eigentlich ´Dauphin´ “? fragte Dola.

 

„Dauphin“, sagte Line mit vornehm näselnder Stimme, „das war damals der Thronfolger. Aber das kannst du mit deiner mangelnden Bildung ja nicht wissen.“

 

Dola schwieg etwas betreten. Was kann sie dafür, daß sie keine Tradition hat, daß sie ein konstruiertes Instrument ist, eine Kopfgeburt. – Line fühlte, daß sie Dola gegenüber zu weit gegangen war, und …reinrassig war sie selbst ja auch nicht. Von ihren adligen Vorfahren, derer von Mandora, wurde sie wegen ihrer Mesalliance mit dem ungebildeten, ruppigen Gitarra Battentus seitdem gemieden. Aber das braucht ja keiner zu wissen. Schließlich hat sie ja mit berühmten Solisten wie Bortolazzi oder Calace zusammengearbeitet. Und das waren die Paganinis der Mandoline.

 

So hatten sie alle drei über sich und die Zeit nachgedacht. Mit dem „Risorgimento“, der Wiedererstehung, der Einigung Italiens, entstand eine große nationale Welle auf allen Gebieten. Ein Ausdruck von Gemeinsamkeit entstand.

 

„Ja!“ durchfuhr es Dola. „Die Gemeinsamkeit, die Mandolinen-Orchester, das war meine Geburtsstunde!“

 

Die anderen wurden von der Begeisterung Dolas angesteckt. Herrliche Zeiten waren es. So richtig in die Masse eintauchen, große Musik machen: Opern, Operetten, Symphonien usw.. Dann diese dunklen Mandolen-Stimmen, die so männlich klingen. – So schwärmten sie von der Entstehung der Mandolinen-Orchester.

 

„Ja, das war eine große Zeit, als uns die deutschen Arbeiter und Handwerker in den 20er Jahren entdeckten. Mir ist nie so recht klar geworden, warum ausgerechnet die Deutschen sich in uns verliebten.“

 

„Gegensätze ziehen sich an“, sagte Line. „Und diese schwieligen Arbeiterhände. Und diese großen Finger.“

 

„Die konnten aber sehr zart sein“, warf Dola ein. „Sie konnten so wunderschöne Töne hervorzaubern. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut.“

 

 

 

 

„Aber mich haben sie beim Wandern ganz schön misshandelt“, bemerkte Gita. „Nur Schrumm-Schrumm mit zwei bis drei Akkorden und ohne Moll, kein Piano. Ich kam mir vor wie ein Schlagzeug. Und dann dieses Singen am Lagerfeuer. Da konnte einem ja die Decke platzen. Na, Gott sei Dank, ist so etwas selten geworden.“

 

„Aber mit der Barock-Musik hast du doch wieder schöne Aufgaben bekommen“, sagte Line. „Ja, das stimmt“, meinte Gita. „Aber diese Musik ist so handwerklich. Man weiß nie, ob sie von Telemann, Händel oder sonst einem Barockmeister stammt.“

 

„Nee, nee! Romantische Musik ist mir lieber.“

 

„Man kann doch nicht immer Sartori spielen“, sagte Dola. „Aber wenn ich es mir genau überlege, möchte ich doch mal wieder ´Prime Rose´ spielen.“

 

Line schüttelte nachdenklich den Kopf: „Ich weiß nicht, ob es richtig war, daß Ambrosius und Wölki alles umkrempelten und die Mandoline verdeutschten. – Dinge - Dange - Dong und Dibbe - Dabbe - Dub  statt Brr - Brr - Brr. Das ist ja nicht mehr im Sinne des Erfinders. Das hat Orpheus sich anders gedacht.“

 

„Es hatte ja alles seine Folgen“, meinte Gita. „Ich denke da nur an diesen kleinen Dicken – wie heißt er noch?!“

 

„Wer??“ fragte Line.

 

„Der vom DZO“, antwortete Gita.

 

„Ach! Siegfried Behrend!“ fiel Line ein.

 

¡Ja, richtig.“ – „Also nein! Was der alles mit uns aufstellte. Alles durften wir machen, . . . nur keine Musik. Ich sage nur ´shocking´. Wo wir doch alle eine so gute christliche Erziehung genossen haben.“ – „…und dann so was. Mit der Rasierklinge die tiefen Saiten bekratzen, mit dem Plektron die Bunde rubbeln, die Saiten aufs Griffbrett klatschen lassen und ins Schalloch rufen. Und stell dir vor“, redete Gita ganz entsetzt weiter: „…sie drehten mich um, legten mich auf ihren Schoß und beklopften mein Hinterteil und meine Taille – un-er-hört!!“ rief sie, aufs äußerste erregt.

 

„Viel schlimmer!“ rief Line. „Sie nahmen ein vulgäres Schnapsglas und zwangen mich, laut aufzujaulen. Dann…“ Ihre Stimme steigerte sich aufs äußerste: „… Ich wage es kaum zu sagen, tremolierten sie am Hals über dem Sattel mit dämonischer Freude. Sodann spielten sie noch – ich möchte vor Scham versinken – unterhalb vom Steg, der absoluten Tabu-Zone!! . . .  Ich war der Ohnmacht nahe. Wenn das meine Eltern erlebt hätte !  Nein, nein, diese deutschen Barbaren.“

 

Die drei schwiegen etwas betreten und ließen ihre Gedanken schweifen. Lines Gedanken gingen, wie immer, ins Metaphysische:

… Was will der Mensch? Wohin will der Mensch? Quo Vadis? Es kann ja auch sein, dass wir den Auftrag der Götter nicht mehr erfüllen und sie uns mit Vergessenheit strafen: Mandoline??? Nie gehört!!

 

Auch Gitas Gedanken gingen ins Philosophische (ein Produkt humanistischer Bildung). In ihrem Kopf setzten sich einige Schlagworte fest: Maschine – Technik – Geschwindigkeit – Perfektion – … Und was macht der Mensch mit seinem kostbarsten Besitz, … der Zeit? Will er die Zeit vertreiben, … totschlagen – verschlafen – erleben – genießen – vertiefen?  Gita hatte das Gefühl, an einem Scheideweg angekommen zu sein. Nur Dola hatte sich heimlich ins Fäustchen gelacht. Haben doch diese beiden eingebildeten Puten endlich einmal eins auf´s Dach bekommen; um etwas zu verarbeiten, was außerhalb ihrer gutbürgerlichen Begriffswelt liegt.

 

Was ist nun Realität?! Etwa wie die Callas sang oder Louis Armstrong? – Zuckerguss oder Schwarzbrot?

Dola hatte intuitiv gleich die Möglichkeiten der sogenannten „Neuen Musik“ erkannt. Ihr realitätsgeprägter Sinn erfasste sofort die neue Dimension.

 

„Die Schöpfung“ von Haydn ist zwar sehr schön, aber mit einem einfachen Dreiklang „Ta-Tü-Ta-Ta“ ist dem SCHÖPFER nicht Genüge getan. Dagegen ist Penderecki mit seinem großen Werk „Torenos“ den Opfern von Hiroshima gewidmet, – mit Cluster, Geräuschen, Glissandi und Klangfarben, dem Ausdruck unermesslichen menschlichen Leidens nahegekommen.

 

Es ist eigentlich erstaunlich, welch kluge Gedanken in Dolas Kopf aufkommen konnten. So ohne Studium und Abitur. Ja, ja, Lebenserfahrung und Neugier sind eben durch nichts zu ersetzen. Dola spürte aber auch, dass sie alle drei voneinander abhängig sind und dass jeder für sich unersetzlich ist, wenn es irgendwie weitergehen soll.

 

„Auf geht´s!“ sagt Gita in die entstandene Ruhe hinein. „Es dämmert schon, und wir müssen noch Quartier suchen. Die Chaussee ist lang und der Abend wird kühl.“ Sie strich leise über die Saiten.

 

„Ja“, meinte Line, „wir haben noch einen weiten Weg vor uns bis zur Burg Hohenzollern. Dort können wir endlich wieder mit unseren adligen Verwandten sprechen. Der Prinz Louis Ferdinand von Preußen wird uns empfangen. Der Adel weiß uns zu würdigen. Wie damals in Prag und Wien.“

 

Nun geht es schon wieder los, dachte Dola.

„Die lassen uns bestimmt nur durch den Lieferanten-Eingang in die Burg hinein.“

 

Aber ihre Hoffnung, das geplante Symposium (was ist das eigentlich?) könne neue Erkenntnis schaffen, war größer. Deshalb unterließ sie eine spöttische Bemerkung.

Gita schlug ein paar Akkorde an.

 

„Wollen wir nicht ein altes Wanderlied singen?“ fragte sie, und sie setzten sich mit ihren etwas steif gewordenen Gliedern in Bewegung.

 

So verschwanden sie in der Dämmerung, und leise verklang auch das schöne alte Vagantenlied „Hörst du die Landstraße, wie sie lockt und ruft…“

 

Die alte Platane atmete auf. Sie hatte alle Gespräche mit angehört, ab und zu mal mit den Blättern Beifall gerauscht oder auch klug geschwiegen. – Nein, wie sind diese Wesen  doch kompliziert! Gott sei Dank bin ich fest im Boden verwurzelt. Hoch in ihren Zweigen sang eine späte Drossel:

 

Wir sind immer auf dem Weg . . . Wir sind immer auf dem Weg . . . Wir sind immer auf dem Weg . . .

 

 

 

Verfasst von Herbert Balzer

zum 60jährigen Jubiläum, den 22.10.1988